Jahresthema - Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien

Jahresthema

TransXgression: Kunst – Skandal – Entgrenzung

Mit Wintersemester 2019 startet das neue Jahresthema des Instituts für Wissenschaft und Forschung (IWF) TransXgression: Kunst – Skandal – Entgrenzung.

Unter diesem Themenschwerpunkt werden im Studienjahr 2019/20 vielfältige Veranstaltungen sowie Veranstaltungsreihen in den Bereichen Kunst und Wissenschaft stattfinden.

Als neue Kooperationspartner*innen konnten für das aktuelle Jahresthema bereits das Tanzquartier Wien (TQW) sowie das Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften (IFK) gewonnen werden. Weitere Kooperationen sind im Entstehen.

TransXgression steht für Grenzüberschreitungen jeglicher Art. Das hat zunächst identitätstheoretische Implikationen. TransXgression bedeutet in diesem Zusammenhang, dass Dinge, die normalerweise als different gedacht werden, nun gerade in dieser Differenz hinterfragt werden – wie zum Beispiel die Geschlechter. Das ist insbesondere für die klassischen Identitätskategorien relevant, wie etwa gender, age, class oder race, betrifft aber auch scheinbar duale Gegensätze, wie Identität und Alterität, das „Gute“ und das „Böse“, Trivialkunst und Hochkultur etc. Sowohl in den Künsten als auch in identitätstheoretischen Auseinandersetzungen werden dabei häufig so genannte Figuren des Dritten dualen Denkmodellen entgegengestellt. Ein Beispiel hierfür wäre die gespenstische Wiedergänger*in, welche die Grenzen zwischen Leben und Tod überschreitet.

Darüber hinaus interessieren wir uns insbesondere auch für die Überschreitung der Ichgrenze. So beispielsweise in der Beschäftigung mit Versuchen, das Unbewusste für die Künste nutzbar zu machen, wie beim automatischen Schreiben. Mit dem französischen Philosophen Georges Bataille denken wir TransXgression aber auch als Entgrenzung des Ich im Sinne einer radikalen Subjektauflösung, bei der die Subjekt/Objekt-Trennung überschritten wird. Für Bataille handelt es sich dabei um Bereiche der Gewalt, der Ansteckung, des Chaos, des grenzenlos Animalischen, des Monströsen, des Ekels und der Verführung. Diese stehen der Sphäre des intelligiblen Subjekts entgegen, d.h. jener von Ordnung, Sprache, Gesetzen und Vernunft, und dezentrieren es daher temporär. Exzess und Rausch sind damit, wie auch in Nietzsches Theorie des Dionysischen, wesentliche Bereiche des Transgressiven.

Grenzüberschreitungen sind zum anderen aber auch immer kulturell bzw. gesellschaftspolitisch zu verstehen. Transgression steht im Englischen für einen moralischen Fehltritt. Damit kann aber auch eine bewusste Infragestellung gesellschaftlicher Wertvorstellungen und Normen benannt werden. Kunst, die bewusst mit Tabus bricht und den „guten Geschmack“ ihrer Zeit herausfordert, wie beispielsweise der Wiener Aktionismus, ist dabei ebenso gemeint wie skandalöses Denken, etwa wenn der Komponist Stockhausen den Terroranschlag 9/11 mit der Ästhetik des Erhabenen in Verbindung bringt.

Das „X“ in TransXgression verweist nicht zuletzt auf den Bereich der Trans(gender) Studies und steht damit, ähnlich dem so genannten Gendersternchen (asterisk), für ein konstruktivistisches Verständnis von Identitäten als genuin unabgeschlossen. Dahingehend schreibt der amerikanische Queer-Theoretiker Jack Halberstam in seinem neuesten Buch Trans*:

„(…) the asterisk modifies the meaning of transitivity by refusing to situate transition in relation to a destination, a final form, a specific shape, or an established configurationof desire and identity. The asterisk holds off the certainty of diagnosis; it keeps at bay any sense of knowing in advance what

the meaning of this or that gender variant form may be (…).“1

 

In diesem Sinne soll die Kunst der TransXgression in letzter Konsequenz stets Gedankengebäude sprengen, indem sie auf einen Überschuss verweist, der gängige Konzepte, Vorstellungen und Normen notwendig überschreitet.

 

1 Halberstam, Jack: Trans*. A Quick and Quirky Account of Gender Variability. University of California Press, 2018, S, 4


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